LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Flächendeckende Tests, Prognosen, erste Ergebnisse der CON-VINCE-Studie – Fragen und Antworten

Ohne Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen und das Zurückfahren der wirtschaftlichen Aktivitäten hätte die Corona-Pandemie in Luxemburg Tausende Todesfälle gefordert. Davon ist die Covid-19-Task Force überzeugt. Der Zusammenschluss zahlreicher Hauptakteure der öffentlichen Forschung in Luxemburg hat gestern erste Ergebnisse der CON-VINCE-Studie vorgestellt, kam auf das geplante „Large-Scale-Testing“ zurück und ging auf Projektionen ein. Bis jetzt ist die Infektionskurve nach dem Szenario verlaufen, das die Forscher als „optimistisch“ bezeichnen. Doch sei es unabdingbar, dass sich die Bevölkerung weiter an die geltenden Regeln - „Social Distancing“, Maske und Händewaschen - hält. In einem Szenario, in dem zusätzlich zu den jetzt geplanten Schritten (Schulen, Einzelhandel, Besuchsmöglichkeiten...) beispielsweise auch einmal pro Woche eine Hausparty mit zehn Gästen stattfindet und Restaurants wieder öffnen (auch mit einem Sicherheitsabstand von zwei Metern), wäre den Forschern zufolge mit einer sehr ernsten zweiten Welle zu rechnen, die die Krankenhäuser überfordern würde. Fragen und Antworten:

Warum wird flächendeckend getestet?

Weil klar ist, dass die Entwicklung eines Impfstoffs noch lange auf sich warten lässt, müssen wir lernen, mit dem Coronavirus zu leben. Das geht besser, umso mehr über Covid-19 bekannt ist und die Ausbreitung des Virus kontrolliert werden kann. Flächendeckende Tests sollen auch dabei helfen, das Risiko einer zweiten Infektionswelle im Zuge einer Wiederaufnahme wirtschaftlicher Aktivitäten und Lockerungen zu verringern. Der Lockdown soll auf diese Weise „so schnell und sicher wie möglich“ aufgehoben werden können. Laut neueren Schätzungen geht die Forschung davon aus, dass bis zu 80 Prozent der Krankheitsverläufe bei Covid-19 ohne Symptome (asymptomatisch) verlaufen. Demnach sind möglicherweise viele Menschen ansteckend, ohne es zu wissen.

Wie wird der Test organisiert?

Für das flächendeckende Testing soll die Bevölkerung inklusive Grenzgänger in Kontingente von 50.000 bis 100.000 Menschen eingeteilt werden. Dann wird eine repräsentative Stichprobe dieser Gruppe zum Test gebeten. Das Ergebnis soll der Politik als Entscheidungsgrundlage dienen, wie es aus dem Lockdown herausgeht. Ist die Infektionsrate eines Kontingents hoch, raten die Forscher zu einer Durchtestung, bevor Lockerungen in Kraft treten. In einer zweiten Phase können sich dann auch alle Menschen eines Kontingents testen lassen. Da der Test nur eine Momentaufnahme ist, sollen nach der Lockerung regelmäßig Stichproben untersucht werden. Die Idee dahinter es ist, quasi „infektionsfreie“ Kontingente zu schaffen und positiv Getestete zu isolieren.

Sind die Kontingente bereits definiert?

Noch nicht. Es fällt in den Zuständigkeitsbereich der Regierung, diese Gruppen wie auch den Zeitplan zu definieren.

Ab wann wird getestet?

Einen Auftakt gab es bereits im Bausektor und Handwerk (63.000 Beschäftigte) sowie in der Sekundarschule, wo sich die rund 6.000 Schüler auf den Abschlussklassen und 2.500 Lehrer vor der Rückkehr in die Schule testen lassen konnten. Von 2.336 teilnehmenden Schülern wurden zehn (0,43%) positiv auf Covid-19 getestet. Unter 1.334 Lehrern war es einer (0,07%). Im Bau und Handwerk wurden (anhand einer Stichprobe) zwei bis 2,3 Prozent an Asymptomatisch-Positiven getestet. Es sei daher wichtig, diesen Sektor bald zu screenen, sagte Prof. Ulf Nehrbass, Sprecher der Covid-19-Task Force.

Eine Stichprobenuntersuchung gab es in der Form im Einzelhandel, der ab Montag wieder Kunden empfangen kann, wohl nicht. „Ich denke, das kann durchaus nachgeholt werden“, so Nehrbass. „Ich denke nicht, dass sich diese Zeitverzögerung (von zwei bis drei Wochen, d. R.) ein sehr großes Risiko ergibt“, wenn die Hygienemaßnahmen eingehalten werden. Prof. Paul Wilmes, der stellvertretende Sprecher der Task Force, weist darauf hin, dass große Tests ein zusätzliches Instrument sind. Zudem sei der soziale Kontakt – also die Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen – das entscheidende Element für die weitere Entwicklung der Infektionen.

Um welche Art von Test handelt es sich?

In einer ersten Phase kommen PCR-Tests zum Einsatz (Rachen-/Nasenabstrich), mittels derer eine Infektion zum Testzeitpunkt festgestellt werden kann.

Wie viele Menschen haben infolge einer Infektion eine Immunität entwickelt und wie viele sind infiziert, ohne es zu merken?

Serologische Tests im Rahmen der CON-VINCE-Studie zeigen, dass 1,9 Prozent der repräsentativen Umfrage zufolge einen Typ von Antikörpern (IgG) entwickelt haben. „Das heißt allerdings nicht, dass diese Menschen immun gegen das Virus sind“, betonte Prof. Prof. Rejko Krüger, Leiter der CON-VINCE-Studie. „Das bedarf weiterer Forschung.“ 0,3 Prozent der Studienteilnehmer wurden nach einem PCR-Test positiv auf das Virus getestet. „Basierend auf diesen ersten Ergebnissen lässt sich schätzen, dass unter den Einwohnern Luxemburgs ohne Einbeziehung der Grenzgänger bereits etwa 1.449 Personen infiziert sind und dabei keine oder nur milde Symptome zeigen“, erklärt Krüger. „Die Dunkelziffer kann jetzt besser erkannt werden.“ Mehr als 1.800 Teilnehmer (volljährige Einwohner des Landes) haben sich zur Teilnahme an der Studie bereit erklärt. Sie unterziehen sich über einen Zeitraum von zwei Monaten und nach Ablauf eines Jahres verschiedenen Nachuntersuchungen, um die Verbreitung und Übertragung des Virus in Luxemburgs Bevölkerung zu verfolgen. Auch eine CON-VINCE-Studie unter Jugendlichen und Kindern ist geplant.

Muss eine gewisse Mindestanzahl an Personen an den flächendeckenden Tests teilnehmen, um ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten?

Die Regierung weist darauf hin, dass es in erster Linie nicht um das Sammeln großer Datenmengen geht, „sondern darum, die restriktiven Maßnahmen für die Gesellschaft schrittweise zu lockern, indem man dafür positiv Getestete in Isolation und deren Kontakte unter Quarantäne setzt“. Allerdings ist auch klar, dass das Ergebnis dieser Übung durch eine hohe Zahl an Testteilnehmern nur besser ausfallen kann. Deshalb ruft die Forschung zu einer breiten Teilnahme auf. Das sei ein „wichtiger Beitrag für die Machbarkeit“
des Exit aus dem Lockdown, sagt Prof. Dr. Ulf Nehrbass. Die Forscher setzen darauf, dass es ein großes Interesse in der Bevölkerung gibt, eine zweite Infektionswelle zu vermeiden.

Wie schnell verbreitet sich das Coronavirus derzeit?

Gesundheitsministerin Paulette Lenert sagte gestern Abend im Parlament, der Reproduktionswert (Rt) liege jetzt bei 0,99. Zuvor lag dieser Wert noch bei 1,04 (bzw. 1,02, wenn man die effektive Reproduktionszahl aus den ersten Ergebnissen der Con-Vince-Studie berechnet). Liegt dieser Wert über 1, sticht sich im Durchschnitt mindestens eine andere Person an, liegt er darunter, kann das Virus eingedämmt werden.

Was kostet das Ganze?

Was die Finanzierung der großflächigen Testaktion anbelangt, so ging immer die Rede von um die 40 Millionen Euro, was die beiden Oppositionsabgeordneten Laurent Mosar und Gilles Roth zu einer parlamentarischen Frage befleißigte, müssen staatliche Ausgaben von über 40 Millionen Euro doch durch ein vom Parlament genehmigtes Spezialfinanzierungsgesetz abgedeckt sein. In ihrer Antwort weisen die Minister für Gesundheit, Finanzen, Hochschule und Forschung darauf hin, dass der Regierungsrat für das „PCR Testing“ ein Höchstkostenlimit von 39,5 Millionen Euro beschlossen hat. Und demnach kein spezielles Finanzierungsgesetz notwendig sei.

Weitere Quellen: parlamentarische Anfrage N°2113, www.science.lu