LUXEMBURGSIMONE MOLITOR

Angst und Perspektivlosigkeit: Die Arbeit mit Opfern von Menschenhandel bleibt schwierig

Unter den Überbegriff „Menschenhandel“ fallen viele unterschiedliche Formen der Ausbeutung. Prostitution und Zwangsarbeit sind die häufigsten Ziele, die Menschenhändler verfolgen, wenn sie Personen von einem Land in ein anderes locken. „Menschenhandel ist ein Thema, das Luxemburg und auch seine Nachbarländer kaum betrifft“, denken sicherlich viele. Maria S. ist anderer Ansicht, und sie kennt sich aus. Als Verantwortliche des „Centre Ozanam - Traite des Êtres Humains“ (COTEH) der „Fondation Maison de la Porte Ouverte“ weiß sie sehr wohl von Fällen, die sich diesseits der Grenzen zutragen. Da sie in einem schwierigen Bereich tätig ist und bei der Betreuung von Opfern notgedrungen indirekt auch mit Kriminellen zu tun hat, will sie anonym bleiben. Den Namen haben wir geändert.

Hohe Dunkelziffer

Neben COTEH gibt es hierzulande mit SAVTEH (Service d’assistance aux victimes de la traite des êtres humains) der Organisation „Femmes en détresse“ noch eine weitere Anlaufstelle für Opfer von Menschenhandel. Beide Hilfsdienste arbeiten eng zusammen und betreuen teils die gleichen Klienten. „Sonst wäre es nicht möglich“, sagt Maria. „Momentan betreuen wir drei Männer, die in Restaurants ausgenutzt wurden, und zwei Frauen, die zur Prostitution gezwungen wurden. Im vergangenen Jahr waren es elf oder zwölf Personen“, erklärt sie. Auffallend sei, dass im Vergleich zu den vorherigen Jahren in letzter Zeit deutlich mehr männliche Opfer aufgetaucht seien. „2014 haben wir uns zu einem gewissen Zeitpunkt gleichzeitig um fünf Männer gekümmert. Ich würde aber nicht von einem Wandel reden. Männer waren wohl immer auch schon Opfer, jedoch wurden die Fälle nicht aufgedeckt, beziehungsweise haben die Betroffenen keine Hilfe gesucht. Es gibt sicherlich eine hohe Dunkelziffer. Gerade in Restaurants arbeiten viele Menschen, die Opfer von Menschenhandel sind“, gibt sie zu bedenken.

Mit der Aussicht auf eine bessere Zukunft geködert

Menschenhändler haben meist leichtes Spiel, weil sich ihre Opfer in schwierigen Lebenssituationen befinden. Wenn Armut und Arbeitslosigkeit in der Heimat zum Alltag gehören, ist die Aussicht auf eine bessere Zukunft ein bewährter Köder. Unter falschen Versprechungen werden sie ins Ausland gelockt beziehungsweise geschleust. „Da verschaffe ich dir eine gute Arbeit“, versprechen die Menschenhändler. „Und dann landen sie doch in der Prostitution“, sagt Maria, bemerkt aber gleichzeitig, dass manche Frauen durchaus wüssten, was ihnen bevorsteht. „Sie wissen, dass sie sich prostituieren sollen und erklären sich dazu bereit. Was sie natürlich nicht wissen, ist, dass sie das Geld nicht behalten dürfen oder nur einen kleinen Teil. Denjenigen, die in Restaurants beschäftigt sind, wird eine super Arbeit versprochen. Die Realität sieht dann allerdings ganz anders aus: Sie arbeiten an sieben Tagen in der Woche, täglich zwölf Stunden, fast ohne Bezahlung und natürlich ohne Krankenversicherung“, verdeutlicht Maria. Manchmal könne man durchaus von sklavenähnlichen Zuständen reden.

Kontaktaufnahme mit Opfern ist schwierig

Laut Justizminister Félix Braz decken Polizei und Justiz jedes Jahr im Großherzogtum rund zehn Fälle von Menschenhandel auf. Nicht jeder Betroffene lässt sich allerdings daraufhin helfen. „Wenn während einer Razzia etwa Frauen, die der Prostitution nachgehen, aufgegriffen werden, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass wir uns anschließend um sie kümmern. Viele dieser Frauen wollen überhaupt keine Unterstützung. Andere werden auch in ihre Heimat zurückgeschickt, ohne dass ein Kontakt mit uns zustande kommt“, bedauert Maria. Wie funktioniert die Kontaktaufnahme also? „Entweder werden die Personen direkt von der Polizei an uns weitervermittelt oder eine Sozialarbeiterin wendet sich an uns, weil sie gemerkt hat, dass irgendetwas in dieser Art vorliegt“, antwortet Maria. Die Arbeit mit Betroffenen aufzunehmen, sei alles andere als leicht: „Nicht immer sagt ein Opfer sofort, was ihm wirklich zugestoßen ist oder angetan wurde. Manchmal dauert es folglich etwas, bis es an uns weitervermittelt wird. Ist die Person erst einmal hier und somit auch bereit, Hilfe anzunehmen, ist der wichtigste Schritt eigentlich getan“.

Androhung von Gewalt als Abschreckungsmittel

Warum es nicht in allen Fällen zu diesem Schritt kommt, erklärt unsere Gesprächspartnerin in einem Wort: „Angst!“. „Die Androhung von körperlicher Gewalt ist in vielen Fällen allgegenwärtig. Zuhälter erpressen und drohen ,ihren‘ Angestellten. Das reicht von: ,Die Polizei schickt dich zurück in dein Heimatland‘, bis ,Ich schlag‘ dich tot‘. Es ist klar, dass da viel Angst - auch vor der Polizei - mitspielt. Viele Opfer kommen aus Ländern, in denen die Polizei korrupt ist. Auch das spielt natürlich eine Rolle“, gibt sie zu bedenken. Oft sei es so, dass Zwangsprostituierte einen geringen Teil ihres Verdiensts behalten dürften. „Das Geld schicken sie dann nach Hause. Meistens haben sie dort Familienmitglieder zu versorgen. Nach dem Motto ,ein bisschen ist besser als gar nichts‘ lassen sie das dann halt mit sich machen“, weiß Maria.

Nach dem ersten Besuch beim COTEH und einer ersten Beratung haben die Betroffenen 90 Tage Bedenkzeit, während der sie sich überlegen können, ob sie mit der Polizei zusammenarbeiten wollen. „Außer einer Befragung am Anfang werden sie während dieser Zeit sozusagen von der Polizei in Ruhe gelassen. Wir bieten ihnen ein Dach über dem Kopf. Sie bekommen Verpflegung, eine Buskarte, ein monatliches Taschengeld von 25 Euro und werden krankenversichert. Sprachkurse gehören ebenfalls dazu. Es ist an sich die gleiche Hilfe, wie sie Asylbewerbern bekommen. Die Arztrechnungen übernehmen wir, genau wie die Kosten für Medikamente oder für Sprechstunden bei einem Psychologen beziehungsweise Psychiater. Anwaltsrechnungen werden über die ‚assistance judiciaire‘ geregelt. Wir selbst gewährleisten die psychosoziale Betreuung“, erklärt Maria die Unterstützung ihrer Anlaufstelle.

Nicht immer fällt der Ausstieg leicht. „Nicht jeder will da wirklich raus“, bemerkt Maria, „wir haben immer wieder mal mit Prostituierten zu tun, die diese Tätigkeit überhaupt nicht aufgeben wollen, weil sie auf das Geld angewiesen sind, um es der Familie zu schicken. Es kommt schon mal vor, dass Betroffene unsere Unterstützung plötzlich ablehnen. Andere, die komplett mit dem vorherigen Leben abgeschlossen haben, sind sehr dankbar für die Hilfe. Voraussetzung ist natürlich, dass sie eine andere Arbeit finden. Da es sich häufig um Nicht-EU-Bürger handelt, ist das aber manchmal schwer, auch wegen der Gesetzgebung. Es ist oft ein langwieriger Prozess, bis ein weitgehend normales Leben möglich ist“, gibt Maria zu bedenken.

Gewollt oder nicht: Fehlendes Bewusstsein

Menschenhandel habe auch in Luxemburg an Bedeutung gewonnen, trotzdem werde zu wenig darüber geredet. „Seit 2002 arbeite ich in diesem Bereich. Damals wusste niemand, was es mit der Problematik überhaupt auf sich hat. Mittlerweile gibt es zumindest entsprechende Gesetze, die auch gut sind“, hebt unsere Gesprächspartnerin hervor. Ein Problem erschwere den Kampf gegen Menschenhandel allerdings: „Viele wollen nichts davon wissen. Es ist eine Tatsache, dass gerade im Restaurantbereich, auf dem Bau und in der Landwirtschaft viele Menschen ausgebeutet werden und praktisch umsonst arbeiten. Dadurch können wir letztendlich billiger essen, kostengünstiger Häuser bauen und so weiter. Die Frage ist also, wie viel wir sehen wollen. Wenn wir die Augen öffnen würden, würden wir die Problematik sehen“, gibt uns Maria zu verstehen, „aber das würde uns was kosten“. „Jeder ist ja gegen Menschenhandel, aber dennoch leben wir gut, weil es anderen schlecht geht. Wenn ich billige Kleider kaufe, weiß ich auch, dass irgendwo eine Näherin in sklavenähnlichen Verhältnissen lebt, um sie zu produzieren. Vorausgesetzt, ich will es wissen“, meint sie. In Sachen Prostitution ist es ähnlich: So lange eine Nachfrage da ist, gibt es sie. Und Fakt ist nun einmal, wie auch Maria weiß, dass man Menschenhandel und Prostitution nicht hundertprozentig voneinander trennen kann.