LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

2016 kehrte der Boxclub Esch zurück in den Ring – Heute Abend findet die erste Boxgala seit 30 Jahren statt

Jahrzehntelang wurde die Boxtradition in Esch/Alzette gepflegt. Bis 1990 gab es dort sogar zwei Boxvereine: den 1921 gegründeten Boxing Club und den 1931 ins Leben gerufenen CS Olympic. Beide waren wichtige Eckpfeiler des Luxemburger Boxsports. Im Jahr 1990 fusionierten die zwei Vereine zum Boxing Club Olympic Esch. 1994 war Schluss. Seither stieg in Esch niemand mehr in den Ring, bis Boris Molitor dies im Jahr 2016 wieder ändern wollte. Ihm und ein paar Kollegen ist es zu verdanken, dass heute Abend nach 30 Jahren erstmals wieder eine Boxgala in der Südmetropole stattfinden kann. 

Wiederbelebung einer langen Tradition

„Esch war neben Luxemburg immer ein bisschen die Hauptstadt im Boxen. Diese Tradition wollten wir wieder aufleben lassen. Immerhin haben seinerzeit doch ein paar bekannte Boxer wie Rafael Paoletti, Rocco Cavuoto oder Fred Serres hier in Esch vor großem Publikum geboxt. Irgendwann ist der Boxsport diesseits der Grenzen ein bisschen in eine allgemeine Krise gerutscht. Auch in Esch lief es trotz Fusion nicht richtig, es gab Probleme mit dem Saal und Ärger mit der Gemeinde… Wir waren der Meinung, dass nach über 20 Jahren Pause wieder etwas passieren sollte“, unterstreicht Boris Molitor, heutiger Vereinspräsident. Das Feedback auf einen Facebook-Aufruf ermutigte ihn in seinem Vorhaben. Es folgte eine Informationsversammlung, bei der sich auch gleich Interessenten für die Besetzung des Vorstands fanden, und so wurde quasi noch am gleichen Abend der Boxclub Esch wiedergeboren. Das war im Mai 2016. Inzwischen zählt der Verein 105 Mitglieder. Freizeitboxer, Wettkampfboxer und Kinder.

Haken beim Nachwuchs

„Besonders die Entwicklung bei den Kindern ist bemerkenswert. Mit acht Jahren kann man anfangen. Im ersten Jahr war es schwierig, da hatten wir zwei, drei Kinder beim Training, mittlerweile sind es im Durchschnitt 25“, freut sich Molitor. Allerdings gibt es einen Haken: „Kinder dürfen in Luxemburg nicht in Wettkämpfen gegeneinander antreten, erst mit 16 dürfen sie in den Ring. In Deutschland darf man hingegen mit zehn Jahren schon richtig boxen, und in Frankreich gibt es für die jüngeren Altersklassen ,Boxe éducative‘, wo Treffer erlaubt sind, allerdings keine harten Schläge“. Dieses Modell würde er sich auch für Luxemburg wünschen. „Dass man erst mit 16 Kämpfe bestreiten kann, ist ein großes Problem. Man kann einem Kind von zehn Jahren doch nicht sagen, jetzt trainierst du erst einmal sechs Jahre und dann darfst du einen Kampf boxen. Das wäre so, als würde man einem kleinen Handballer sagen, er dürfe erst mit 16 sein erstes Spiel spielen. Das macht keinen Sinn, auch im Boxen nicht“, gibt er zu bedenken.
Nachwuchssorgen kennt man beim Boxclub Esch bislang nicht, im Gegenteil. Wegen der bestehenden Problematik würde manch anderer Verein aber nicht ganz so viel Mühe in die Arbeit mit Kindern stecken. „Weil man in etwas investiert, wo man nicht unbedingt ein Ergebnis hat“, weiß Molitor, „wenn man jedoch erst als Jugendlicher mit dem Sport anfängt, ist es um einiges schwerer, technisch richtig gut zu werden“. Momentan befinde man sich in Diskussionen mit dem Sportministerium und besonders der Ärztekommission, um eine Lösung zu finden.  
Auch Frauen boxen übrigens in Esch. „Wir haben einen relativ großen Frauenanteil. Bei der Gala heute Abend wird beispielsweise ein Mädchen von 17 Jahren seinen ersten Kampf boxen“, erzählt der Vereinspräsident. Neben rund zehn Wettkampfboxern zählt man in der Hauptsache Freizeitboxer unter den Mitgliedern. Sie kommen „nur“ zum Training, steigen aber nicht für Kämpfe in den Ring. „Freizeit- und Wettkampfboxer trainieren zusammen, letztere haben aber eine zusätzliche Trainingseinheit pro Woche, also insgesamt vier. Die Kinder trainieren zweimal wöchentlich“, erfahren wir außerdem. Einen eigenen Saal hat der Club bislang nicht, trainiert wird im Turnsaal der Brill-Schule.

Vom Arbeiter bis zum Anwalt

Vom Busfahrer über den Akademiker bis hin zum Anwalt sei eigentlich alles vertreten. Italiener, Luxemburger, Franzosen, Portugiesen. „Ganz gemischt, also wirklich einmal der Querschnitt der Luxemburger Gesellschaft“, lacht Molitor. „Es ist nicht mehr ,das Milieu‘, das bei uns boxt“, stellt er klar, „aber natürlich müssen wir immer noch ein bisschen gegen Klischees ankämpfen“. Der Boxclub Esch sei sozial sehr engagiert und auch bei Schulsportfesten präsent. „Das Lehrpersonal ist oft sehr erstaunt, zu sehen, was Boxen überhaupt heißt. Verschiedene Übungen erfordern sehr viel Koordination. Es geht nicht darum, einfach drauf los zu hauen, obwohl viele Leute den Sport immer noch genau damit verbinden“, bemerkt er. Die K.o.-Quote sei derweil bei Amateurkämpfen sehr niedrig. „Diese dauern maximal drei Mal drei Minuten, da geht es eher um die Technik und darum, Punkte zu machen, während es bei Profikämpfen einfach um Effizienz geht. Ein Profi schlägt effizient zu und nicht unbedingt technisch schön“, wird uns erklärt. Wer Boxen nur aus den Rocky-Filmen kennt, wo viel Blut spritzt, liegt also falsch. „Wir befinden uns jetzt in Esch in der vierten Saison und können bisher neben ein paar Prellungen nur eine gebrochene Nase verzeichnen“, stellt Molitor fest.
„Boxen hat seinen schlechten Ruf absolut nicht verdient“, fügt er mit Nachdruck hinzu. Was ist also das Besondere an diesem Sport? „Das Training ist fordernd, sowohl koordinativ als auch körperlich. Es ist ein Sport, der viele Facetten hat und alles in Anspruch nimmt. Muskulatur, Geschwindigkeit, Ausdauer – es ist einfach ein guter Mix. Boxen hat auch sehr viel mit Rhythmus zu tun. Es ist zudem ein ehrlicher Sport, in dem Sinn, dass man selbst für das verantwortlich ist, was man im Ring abliefert. Wenn ich schlecht vorbereitet bin, trage ich die Verantwortung und nicht mein Gegner“, lautet die Antwort.

Zwölf Amateurkämpfe in besonderer Kulisse

Wie elegant - und unblutig - solche Boxkämpfe tatsächlich aussehen können, davon kann man sich heute Abend ab 19.00 selbst ein Bild machen. Unterhalb des ehemaligen „Massenoire“-Gebäudes inmitten der industriellen Vergangenheit Belvals organisiert der Boxclub eine große Open-Air-Gala mit zwölf Amateurkämpfen. Boxer aus allen Luxemburger Vereinen und ein paar aus Deutschland sowie Frankreich treten gegeneinander an. Solche großen Boxevents seien wichtig, um sichtbarer zu werden und ein möglichst breites Publikum anzuziehen. „Unser Ziel ist es, künftig zwei Galas pro Jahr zu organisieren“, sagt der Präsident des Boxclub Esch.
Ansonsten bestehe gut drei Jahre nach der Gründung noch Luft nach oben. „Unser Anfangsziel waren 100 Mitglieder. Die haben wir jetzt. Das reicht uns aber noch nicht, wir wollen wirklich hier in Esch wieder einen Boxclub so etablieren, dass jeder weiß, dass er existiert. Die soziale Komponente ist auch wichtig. Diesen Spagat zwischen gutem Ambiente und sportlicher Weiterentwicklung gilt es hinzubekommen“, meint Molitor. Blickt er mit Optimismus in die Zukunft? „Was Esch anbelangt, bin ich ganz optimistisch. Auch andere Vereine sind innovativ und engagiert. Wir müssen alle an einem Strang ziehen und uns gegenseitig unterstützen. Das ist der einzige Weg, wie es in Luxemburg im Boxsport weitergehen kann“, ist er sich sicher.
 Erster Gong ist heute Abend um 19.00 in Belval bei der großen Boxgala. Der Eintritt kostet zehn Euro, beziehungsweise fünf für Kinder und Studenten.
www.boxclub-esch.lu