LUXEMBURG
LIZ WEIS, MERIMA BAHOVIC, LESLIE SCHMIT, FERNANDO MARTINS DA MOTA

Künstliche Intelligenz verspricht Fortschritt, bereitet aber auch Angst - Was Experten dazu sagen

Beim Thema „Künstliche Intelligenz“ flimmern oftmals Bilder vom Terminator vor dem inneren Auge, von Robotern die sich über uns Menschen hinwegsetzen und unser aller Leben auf den Kopf stellen. Wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario tatsächlich? Eine beruhigende Nachricht vorneweg: Niemand muss um sein Leben fürchten. Die derzeit verfügbare Technologie ermöglicht es nicht, dass etwa Roboter ein eigenes Bewusstsein entwickeln und somit unabhängige Entscheidungen treffen können. Systeme Künstlicher Intelligenz sind so programmiert, dass sie eine – und nur diese eine – bestimmte Aufgabe erfüllen. Woraus diese besteht und welches Risiko sie birgt wird dabei vom Menschen bestimmt. Hier zeigt sich also, dass die Gutartigkeit der Künstlichen Intelligenz im aktuellen Stadium vollständig von uns abhängig ist. Guillaume Aucher, Forscher im Bereich der artifiziellen Intelligenz, beschreibt diese als Werkzeug, welches wie jedes herkömmliche Werkzeug von uns Menschen zum Wohl als auch zum Schaden anderer eingesetzt werden kann. Zwar lässt sich nicht ausschließen, dass solche Systeme eines Tages unabhängig und eigenmächtig handeln können, allerdings nicht in absehbarer Zukunft.

Wenn es also einen Grund gibt, sich in diesem Zusammenhang um unsere Zukunft auf diesem Planeten zu sorgen, dann sollte man diesen wohl eher bei uns Menschen suchen.

Fortschrittsfaktor

Künstliche Intelligenz wird oft als Bedrohung eingestuft. Sie sei ein technischer Fortschritt welcher die wirtschaftliche Entwicklung voranbringt, jedoch gleichzeitig der Gesellschaft schadet indem Arbeitsplätze durch KI ersetzt werden. Es ist allerdings die Mission von uns Menschen, anstatt künstliche Intelligenz als Hindernis anzusehen, die Möglichkeiten dieser neuen Technologie zu unserem Vorteil zu nutzen.

Wie Guillaume Aucher erläutert, ist „wie wir Menschen schlussfolgern nicht unbedingt die rationellste Art und Weise Probleme zu lösen. Man nehme das Beispiel Fliegen. Wir Menschen haben uns lange damit befasst Vögel zu beobachten, um ihren Flugstil nachzuahmen. Jedoch sind wir zu der Schlussfolgerung gekommen, dass Vögel nachzuahmen nicht erfolgreich ist. Stattdessen haben wir verstanden, dass wir aerodynamische Phänomene der Auftriebskraft nachstellen müssen, welche uns erlauben zu fliegen. Deshalb haben wir jetzt Flugzeuge welche ebenfalls Flügel haben, jedoch anders aufgebaut sind als Vögel. Es ist also möglich, dass wir durch KI nützliche Überlegungsweisen finden, welche sich als effizient herausstellen. Das Ziel künstlicher Intelligenz ist es also, alltägliche Aufgaben schneller und effizienter lösen zu können.“

Wie Künstliche Intelligenz unseren Alltag verändert

Wie bereits erwähnt ist ein wichtiger Aspekt der Künstlichen Intelligenz, dass dieser technische Fortschritt in der Lage ist, zeitaufwendige Arbeiten zu verkürzen um damit unser alltägliches Leben zu vereinfachen. Wie Alexander Steen, Postdoktorand der „Faculty of Science, Technology and Medicine“ an der Universität von Luxemburg sagt: „wenn wir befürchten, dass wir nicht mehr gebraucht werden, weil ein Taschenrechner zum Beispiel entwickelt wurde und ich also keine Nummern mehr selber eingeben muss, dann ist dies eine unberechtigte Angst. Wir werden dann stattdessen gebraucht um den Taschenrechner für eine andere Aufgabe zu benutzen, welche interessanter oder sogar effizienter ist. Man kann also stets mehr Aufgaben erledigen“. Dies ist allerdings nur durch unseren Willen möglich, KI als Fortschritt zu akzeptieren und uns ihre Vorzüge zu Nutze zu machen.

Dazu nennt Sviatlana Höhn, Postdoktorandin im Bereich der „Chatbots“ an der Universität von Luxemburg, das Beispiel von „automatischen E-Mail Antworten und E-Mails welche durch Maschinen verarbeitet werden. Diese Antworten nicht nur auf E-Mails, sie steuern ebenfalls Dienste an. Wenn man zum Beispiel eine E-Mail Adresse oder den Wohnsitz ändern möchte, kann man eine E-Mail schreiben.

Das System versteht also den Befehl und gibt diesen in eine Datenbank ein. Dieser Prozess wird also ohne menschliche Hilfe erledigt, was schneller und effizienter ist“.

Instrument für bessere Pflege

Ein weiterer Bereich in dem sich künstliche Intelligenz als äußerst nützlich erweisen kann ist der Pflegesektor. Leon van der Torre, Professor für Artifizielle Intelligenz an der Universität von Luxemburg, ist der Ansicht, dass KI zu einer bezahlbaren Seniorenpflege beitragen kann: ,,Seniorenpflege ist sehr kostspielig, wir brauchen Roboter um diese Art von Pflege weiterhin leistbar zu gestalten‘‘. Zudem fügt er hinzu, dass Therapien von autistischen Kindern mit Robotern positive Resultate aufzeigen: ,,autistische Kinder werden auch mit menschlichen Therapeuten sehr nervös. Dies hindert ihre Interaktion. Stellt man ihnen dagegen einen Roboter gegenüber, verläuft es viel besser, also wird die Therapie effizienter‘‘. Für Sviatlana Höhn wirft diese Möglichkeit bezüglich des menschlichen Kontakts einige Fragen auf: ,,Diese Person wird genau so einsam sein wie zuvor, aber es gibt ihr ein Gefühl der Verbundenheit. [...] Ich bin mir jedoch sicher, dass die menschliche Verbindung haltbarer ist. Intuitiv geht es in die richtige Richtung. Jeden Menschen durch Maschinen ersetzen, alleine schon die Idee ist falsch‘‘.

Die Gefahren der künstlichen Intelligenz

Daniela Gierschek, PhD-Studentin der Linguistik an der Universität von Luxemburg, weist darauf hin, dass es bezüglich künstlicher Intelligenz jedoch auch unterschiedliche Gefahren gibt. Auf der einen Seite steht der Datenschutz. Tatsächlich sind Cyber-Attacken sehr präsent. Durch Hacking können Daten von Internetnutzern abgegriffen und deren Schwächen ausgenutzt werden. Künstliche Intelligenz muss sich noch wesentlich weiterentwickeln muss, um diese Gefahren zu reduzieren.

Die Kontrolle stellt ein weiteres Gefahrengebiet von Künstlicher Intelligenz dar. Maschinen werden immer leistungsstärker und autonomer. Die Frage ist also, ob diese Maschinen die Fähigkeit von Menschen tatsächlich übersteigen könnten. Ein Beispiel, welches in diesem Zusammenhang zu betrachten von Bedeutung ist, ist das Ersetzen von Soldaten durch Maschinen. Diese werden anhand von KI gesteuert. Somit könnten in Kriegszuständen Soldaten durch Roboter ersetzt werden, was im Gegenzug Menschenleben verschonen würde. In einem solchen Fall würde allerdings die Gefahr des Kontrollverlusts über die Kriegsmaschinen bestehen - eine Gefahr, die durch Angriffe von Hackern durchaus plausibel ist.

Neuer Weg zur Mehrsprachigkeit?

Wie unaufhörlich und nützlich die Entwicklung der künstlichen Intelligenz tatsächlich ist, zeigt sich laut Daniela Gierschek auch im Bereich der Fremdsprachen. Mehr und mehr Systeme zur Vereinfachung des Spracherwerbs werden eingeführt, so zum Beispiel Online-Unterricht und Apps. Ein solch vielfältiger und zugänglicher Umgang mit Sprachen könnte zum Beispiel dabei helfen, jene Sprachen die zu verschwinden drohen, auch für die Zukunft zu erhalten.

Im Bereich des Sprachunterrichts könnte KI ein hilfreiches Werkzeug zur Verbesserung von Grammatikfehlern darstellen. Es ist möglich, dass ein Roboter eines Tages sogar in der Lage sein wird, alle bestehenden Sprachen zu beherrschen. Zur Zeit sind allerdings noch erhebliche Entwicklungen notwendig, um ein solches Ergebnis zu erreichen. Auch von Robotern gehaltener Sprachunterricht ist eine realistische Möglichkeit. Dabei wäre ein komplettes Ersetzen von menschlichen Lehrern allerdings sehr komplex, da der zwischenmenschliche Kontakt ein essentieller Bestandteil der Ausbildung und Erziehung ist. Ein optimales Lernumfeld kann demnach nicht ohne soziale Kontakte zwischen Lehrern und Schülern existieren.

Dank dem sogenannten „Machine Learning“ können zahlreiche Sätze anhand ihrer Form und Äußerungen analysiert werden. Die Stimmungsanalyse zum Beispiel erlaubt es, die Emotionen aus einem Satz zu extrahieren und ihn so entsprechend seiner positiven oder negativen Aussage einzuordnen. Das „Machine Learning“ wird vor allem im Bereich der Sprachwissenschaft eingesetzt und ermöglicht zusätzlich, eine erhebliche Menge an Daten zu behandeln. •

Vom Versuch, die Vernunft nachzustellen

WAS IST KÜNSTLICHE INTELLIGENZ?

Bei „künstlicher Intelligenz“, auch „Artificial Intelligence“, „AI“ oder „KI“ genannt, handelt es sich um das Verstehen und die Aneignung menschlicher Intelligenz durch Maschinen. „Wissenschaftler versuchen also diese Intelligenz und Vernunft nachzustellen, um sie zu verstehen und um unser menschliches Verständnis anhand von Maschinen und Robotern anzuwenden“, erklärt Guillaume Aucher, Forscher im Bereich der Computerwissenschaft an der Universität von Rennes. Eines der Ziele ist dabei, dass Roboter lernen, selbstständig in der Welt zu handeln um somit unser Alltagsleben einfacher und praktischer zu gestalten. Die ständig wachsende Bedeutung der artifiziellen Intelligenz sowie ihr bereits fester
Platz in unser aller Leben hat unser Team neugierig gemacht, dieser faszinierenden Technologie auf den Grund zu gehen.

Weltveränderer

Künstliche Intelligenz beeinflusst Leben und Gesellschaft auf allen Ebenen

Der Kampf gegen die Covid-19-Pandemie generiert auch gewaltige Datenmengen. Sie zu durchforsten und zu interpretieren ist eine riesige Herausforderung, die ohne Computer-Rechenpower nicht bewältigt werden kann. Es geht dabei nicht nur etwa darum, Häufungen von Fällen auszumachen und die Diagnostik zu verbessern, sondern auch zu modellisieren, wie sich das Virusverbreitet - und wie es sich unter bestimmten Bedingungen verhält. Aus diesen Erkenntnissen können möglicherweise lebensrettende Lektionen gezogen werden. Bis hin zu Vorhersagen von Epidemien. Die KI oder „Künstliche Intelligenz“ kommt hier voll zum Tragen. Algorithmen können überwachen, wie sich die Bedingungen für Krankheiten entwickeln. Programme, die mittlerweile an ihrer Erfahrung wachsen können - Stichwort „machine learning“ - sind in der Lage, subtilste Veränderungen zu erfassen.
Wenn sie auf die Daten zurück greifen dürfen: Die KI-Entwicklung hängt immer auch mit ethischen Fragen über den Zugang zu Informationen und der Wahrung der Privatsphäre zusammen. Das Feld „Artificial Intelligence“ ist jedenfalls ein zentrales in der Weiterentwicklung der Technologien auf allen Ebenen, die Alltagsleben, Gesellschaft, Arbeit und Wirtschaft spürbar verändern werden. Deshalb werden auch weltweit gigantische Investitionen darin getätigt. Auch in Luxemburg, das im Frühjahr 2019 seine im Regierungsprogramm vom Dezember 2018 angekündigte nationale AI-Strategie vorstellte. „Die Wahl ist einfach. Entweder, wir warten ab und werden langfristig gezwungen sein, die Entscheidungen anderer zu akzeptieren. Oder wir definieren selbst, die Richtung, die es einzuschlagen und die Grenzen, die es zu setzen gilt“, hatte Premier Xavier Bettel, der auch für die Digitalisierung verantwortlich zeichnet, in seiner Regierungserklärung gesagt. Die klare Vorgabe: Das Großherzogtum soll ein europäischer Pionier in Sachen KI werden. Als überregionales „lebendiges Labor“ (Stichwort etwa: Autonomes Fahren, aber auch der Einsatz von KI im öffentlichen Dienst), als Kompetenzzentrum für Datenschutz und alle rechtlichen Aspekte rund um KI, als Inkubator für innovative nationale und internationale Partnerschaften im Bereich „Artifical Intelligence“, aber auch als Lern- und Weiterbildungszentrum für alle Facetten dieser weitreichenden Thematik.
KI begegnet uns mittlerweile auf Schritt und Tritt, selbst in Bereichen, die wir nicht groß auf dem Radar haben. DashabenauchdieStudentenderUniLuxemburg bei ihren Recherchen zu diesem „Thema vum Dag“ herausgefunden, das im Rahmen des „Working in the media“-Programms des „Bachelor en Cultures Européennes“ an der Uni Luxemburg entwickelt wurde. Das Programm gibt Studenten einen tieferen Einblick in die luxemburgische Medienlandschaft und den Beruf des Journalisten sowie andere Berufe in dieser Branche. Das geschieht vor allem übereinkonkretesjournalistischesProjekt. An „Working in the Media“ waren in diesem Jahr RTL (Fernsehen), „Radio 100,7“ (Radio) und das „Lëtzebuerger Journal“ (Print) beteiligt. Das Print-Projekthalten Sie in Händen. Es wird bald auch online zu lesen sein auf www.journal.lu. Weitere  Informationen zum Programm und zu den weiteren Projekten gibt es hier: https://www.facebook.com/BCEstudentmedia. Wir bedanken uns besonders beim Print-Team (Leslie Schmit, Merima Bahovic, Liz Weis und Fernando Martins Da Mota) für die Zusammenarbeit, die trotz einiger Schwierigkeiten durch die Covid-19-Krise zu einem interessanten Dossier geführt hat. CLAUDE KARGER