LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Wechselbad der Gefühle bei Selbstständigen – erste Reaktion auf Ankündigung neuer Hilfen

Die Selbstständigen in Luxemburg schwanken zwischen Wut und Verzweiflung. Der Grund ist die Entwicklung seit dem Ausbruch der Coronavirus-Krise. Mitte März war klar, dass es viele finanzielle Hilfen gibt, aber nichts für Selbständige. Diese sahen sich sowohl Mieten als auch staatlichen Forderungen für Steuern und Sozialabgaben gegenüber, ohne Einnahmen generieren zu können. Giovanni Patri, Gründer des Start-ups Phoenici, stand nach der Schaffung der Facebook-Gruppe „Rescue Independents and Start-ups“ auf einmal 5.000 häufig verzweifelten Mitgliedern gegenüber, und beschloss daher die Gründung der „Alliance des Indépendants et Startups du Luxembourg“.

Er kontaktierte Mittelstandsminister Lex Delles (DP), Wirtschaftsminister Franz Fayot (LSAP) und Premierminister Xavier Bettel (DP), um klar zu machen: „Selbstständige fühlen sich allein gelassen ausgerechnet von jenen, von denen sie sich am meisten erwartet haben.“ Enttäuscht von den Reaktionen aus dem Wirtschafts- und Arbeitsministerium erkennt er an, dass Delles zumindest zuhörte und eine einmalige Direkthilfe von 2.500 Euro bereitstellte. „Doch das reicht nicht. Und viele haben trotz Antrag noch kein Geld erhalten“, bedauert Patri. Bislang sind laut Mittelstands-Ministerium rund 16,5 Millionen Euro an besonders kleine Unternehmen und Selbstständige geflossen. Rund 1.900 Dossiers seien unvollständig, heißt es dort.

Sorge um Insolvenzeni

Patri fürchtet, dass von den rund 7.000 kleinen Selbständigen in Luxemburg mehr als die Hälfte nicht über den Monat Mai kommen werden.

Da ist der Restaurantbesitzer, der Schulden aufgenommen hat für das Geschäft und ein Eigenheim und jetzt nicht weiß, wie er seinen neun Angestellten das Kurzarbeitergeld vorstrecken soll. Oder die geschiedene Trainerin mit drei Kindern, die sich gerade gehaltsmäßig auf ein Mindestlohnniveau vorgearbeitet hat und verzweifelt fragt, wie es weitergehen wird. Er höre viele Geschichten von Menschen, die nicht mehr weiter wüssten, sagt Patri. Geschichten, die weitab des Bildes eines zigarrenrauchenden Patrons mit dickem Portemonnaie lägen. Deshalb fordert er mehr Hilfe vom Staat.

„Laut einer Studie des Thinktanks Idea sind wir das Land, das im Vergleich mit Deutschland und Frankreich den Unternehmen am wenigsten Hilfe zahlt, die nicht erstattet werden muss“, bedauert er. Sein Verein hat mittlerweile 7.000 Mitglieder. „Und jeden Tag werden es mehr“, versichert Patri. Einer schreibt beispielsweise, die 2.500 Euro seien „Peanuts“. Er habe allein schon 2.797,05 Euro an Lohnsteuer für zwei Beschäftigte im Monat März bezahlt. Solche Reaktionen gibt es viele.

Nach der heftigen Polemik um Vizepremier und Arbeitsminister Dan Kersch (LSAP), der in eine Facebook-Nachricht von reichen und armen Selbständigen sprach, meldete sich der Anwalt Gaston Vogel mit offenen Briefen sowohl an Kersch als auch an Bettel zu Wort und sprach vom Volkszorn. Patri bedauert: „Wir sichern 20.000 Arbeitsplätze. Der Arbeitsminister sichert die Arbeitslosigkeit ab, mehr nicht.“

Die Reaktion der Selbstständigen ist seither häufig wütend, denn Kersch hat in den Augen vieler das Fass zum Überlaufen gebracht. Andere resignieren. Trainerin Tatjana von Bonkewitz beispielsweise meint: „Ich glaube nicht, dass die Regierung sich bewegt. Wir sind zu wenige und können nicht streiken, wenn wir unser Geschäft erhalten wollen.“

Die Diskussion um Unterstützung ruft immer neue Stimmen auf den Plan. So meldete sich Bâtonnier François Kremer im RTL-Interview zu Wort: „D’Existenz vun enge 6.000 Mënsche géif um Spill stoen“, sagte er mit Verweis auf die rund 3.000 Rechtsanwälte und ihre Mitarbeiter. Auch die „Chambre Immobilière“ verlangt Unterstützung für ihre Mitglieder.

Als Idealisten angetreten, als Kapitalisten verunglimpft

Die Stimmung unter den Selbstständigen fasste Alexa Ballmann, Präsidentin des „Jonk Handwierk“ und Mitglied des Begleitkomitees für die Lockerungsmaßnahmen, in einem langen, emotionalen, offenen Brief zusammen. Sie musste wegen der Krise ihre gleichnamigen Kosmetikinstitute in Oetringen und Niederanven schließen. „Machtlos und allein gelassen“, fühlten sich die meisten jungen Handwerker, die genug Idealismus gehabt hätten, sich selbstständig zu machen, schreibt Ballmann. Dass diese Idealisten „vergessen und bald bestraft werden“ angesichts eines Virus, vor dem alle gleich sein, verstünde sie nicht. Was sie besonders ärgert: Nach langem Sparen, durchgearbeiteten Wochenenden, der Schaffung von Arbeitsplätzen und viel persönlichem Einsatz als Kapitalisten dargestellt zu werden. Sie spricht von „Ungerechtigkeit“ und davon, dass sie nicht versteht, warum nicht auch sie Kurzarbeitergeld beantragen kann. Der Slogan „Trau dech“ der jungen Handwerker hat nun einen bitteren Beigeschmack, wie die Reaktionen vieler Mitglieder auf Ballmanns Brief auf den sozialen Netzwerken zeigen.

Michel Reckinger, Präsident der Fédération des Artisans (FAD) und Generaldirektor des Familienunternehmens Alfred Reckinger beispielsweise unterstützte Ballmann und ihr Team. „Mit meinem Betrieb ernähre ich 300 Familien, ich werde in dieser Krise keinen entlassen und ich wäre froh, wenn die kleinen Selbstständigen das sagen könnten“, zeigte er sich solidarisch und macht bei der Aktion des „Jonk Handwierk“ mit. Unter dem Hashtag #breedschelleren – eine Anspielung auf Kerschs Aussagen - posten derzeit nämlich zahlreiche Handwerker auf Facebook Aussagen der Wertschätzung und Unterstützung ihrer Mitarbeiter, zeigen, dass sie stolz darauf sind, einen Betrieb zu haben und ihn gut zu führen. „Die Pressekonferenz hat für viel Aufregung, Verletzung und Entmutigung gesorgt. Deshalb haben wir damit reagiert“, erklärt Ballmann.

Positives Echo

Gestern nun stellte der Premierminister neue Hilfen vor. Angesichts der Entscheidung der Regierung, die Hilfen für Selbstständige aufzustocken, sagte Reckinger: „Wir sind zufrieden. Das entspricht dem, was wir vorgeschlagen haben.“ Auch Ballmann reagierte positiv: „Wir begrüßen das und sind dankbar, dass wir diese Unterstützung erhalten, wären aber froh, wenn wir von der Kurzarbeit profitieren könnten. Denn noch sind wir geschlossen und damit ist das Problem nicht gelöst.“ Patri kommentierte: „Das ist positiv, weil unsere Bitte erhört wurde. Jetzt ist die Frage, wie lange es mit der Umsetzung braucht. Denn die Abwicklung der Anträge für 2.500 Euro, nun 5.000 Euro und Kurzarbeit braucht Zeit.“ Er hat aber den Eindruck, die Politik hört zu und agiert. „Bettel hat als guter Premierminister agiert.