LUXEMBURG
KLAUS BLUME (DPA)/SOP

Der britische Inder aus der Karibik: V.S. Naipaul wird 85 und spaltet die Literaturwelt weiter

Der Landstrich südlich von Trinidads Hauptstadt Port of Spain wirkt mancherorts wie ein Stück Asien in der Karibik. Zwischen Zuckerrohrfeldern erheben sich Hindutempel und Moscheen, und vor den Häusern flattern Wimpel nach Hindubrauch an Bambusstangen. Einst eine ferne Ecke des britischen Empires, kam dort 1932 V.S. Naipaul zur Welt. Mit seinem ersten großen Romanerfolg „Ein Haus für Mr. Biswas“ setzte der Nachfahre indischer Einwanderer Trinidad auf die Landkarte der Weltliteratur. Morgen wird der seit Jahrzehnten in England lebende Literat 85 Jahre alt.

Vidiadhar Surajprasad Naipaul hatte einen Sinn für die historische Ironie, dass auf einer Insel, die Kolumbus fälschlich „Westindien“ zugeordnet hatte, seit dem 19. Jahrhundert tatsächlich Inder lebten - Vertragsarbeiter, die die Briten auf dem indischen Subkontinent angeheuert hatten. Den Hang zum geschriebenen Wort hatte er wohl von seinem Vater Seepersad Naipaul geerbt, der sich hinter dem Romanhelden „Mr. Biswas“ verbirgt. Unter größten Mühen hatte dieser den Aufstieg vom bettelarmen Dorfbewohner zum Journalisten in Port of Spain geschafft. Um dieses geistige Erbe fortzuentwickeln, zog es den Sohn hinaus in die Welt. Ein Stipendium für ein Studium in Oxford machte es möglich.

Für Naipaul sind die Entwicklungsländer selbst schuld

Naipaul war wild entschlossen, nicht mehr auf sein tropisches Eiland zurückzukehren. „Ich würde geistig völlig verkümmern“, schrieb er seinem Vater. Trinidad, das waren für ihn Unterentwicklung und Perspektivlosigkeit, England dagegen Bildung und Zivilisation. Gleichwohl lieferte die Karibik den Hintergrund für eine Reihe seiner Werke, wie den „Mr. Biswas“. Später erkundete er Afrika, Asien und Lateinamerika und verarbeitete seine Eindrücke in mehreren Romanen, Reportagen und Essays.

In „Land der Finsternis“ (1964, dt. 1997) und zwei Folgebänden analysiert Naipaul kritisch die Verhältnisse in Indien, dem Land seiner Vorfahren. In „Eine islamische Reise“ (1981, dt. 1982) zeigt sich der Hindu als Islamkritiker. Er setzt sich dabei auch mit extremistischen Strömungen auseinander. Der international renommierte palästinensische Literaturtheoretiker Edward Said kritisierte jedoch, dass Naipaul - ebenso wie Rudyard Kipling - Ost und West klischeehaft gegenüberstelle und alte Vorurteile damit am Leben halte. Said selbst hat mit seinem Sachbuch „Orientalismus“ die moderne akademische Welt, in erster Linie die Kulturstudien und die Orientalistik, nachhaltig geprägt. Mit dem gleichnamigen Begriff beschreibt Said einen eurozentrischen, westlichen Blick auf die Gesellschaften des Nahen Ostens in Form eines Herrschaftssystems, das eng mit dem Kolonialismus verwoben ist.

Naipauls Roman „An der Biegung des großen Flusses“ (1979, dt. 1980) beschreibt Chaos und Tyrannei in den unabhängig gewordenen Staaten Afrikas. In der Romanbiografie „Das Rätsel der Ankunft“ (1997) erzählt er von seinem eigenen Leben zwischen den Kontinenten.

Naipauls Stärken sind seine klare, schnörkellose Sprache und seine Fähigkeit, genauestens zu beobachten. Kritiker werfen ihm Arroganz und Ruppigkeit vor, und dass er die Welt aus dem Blickwinkel der Kolonialherren betrachte.

Seine Gegner brachte er in Rage, weil er sich der romantischen Idealisierung der Entwicklungsländer verweigerte und diese für Armut und Elend selbst verantwortlich machte. Muslime wie seinen Schriftstellerkollegen Salman Rushdie („Die satanischen Verse“) empörte er mit der Aussage, der Islam habe in nichtarabischen Ländern wie Indien mehr Schaden angerichtet als der Kolonialismus.

Verdrängte Geschichte sichtbar machen

„The world is what it is“ („Die Welt ist, was sie ist“) lautet der berühmte Einstiegssatz von „An der Biegung des großen Flusses“. Dies ist auch der Titel einer autorisierten Biografie des britischen Literaturwissenschaftlers Patrick French, in der zum Teil wenig Schmeichelhaftes über Naipaul steht. Zum Beispiel, wie er seine erste Ehefrau Patricia Hale behandelt habe, die er demnach über Jahrzehnte vernachlässigte, demütigte und betrog und die im Jahr 1996 an Krebs starb. Naipaul gesteht eine Mitschuld an ihrem Tod ein.

1990 wurde Vidiadhar Surajprasad Naipaul von Queen Elizabeth II. zum Ritter geschlagen. „Vido“, wie ihn die Familie nannte, ist seither Sir Vidia. 2001 erhielt er dann den Literaturnobelpreis. Die Königlich Schwedische Akademie würdigte sie ihn als „literarischen Weltenumsegler“, dessen Werke die „Gegenwart verdrängter Geschichte“ sichtbar machten. Kritiker monierten wiederum, dass Naipaul ein Zyniker und arroganter Imperialist sei, der mit kühler Distanz über die Dritte Welt schreibe.

Sein Spätwerk kreist um Identitätund Heimatlosigkeit

Er verkündete, der Preis sei „eine große Anerkennung für England, meine Heimat, und für Indien, das Land meiner Vorfahren.“ Trinidad erwähnte er nicht.

In seinem Spätwerk behandelte der entwurzelte Weltbürger in Romanen wie „Ein halbes Leben“ (2001, dt. 2003) oder „Magische Saat“ (2004, dt. 2005) Fragen von Identität und Heimatlosigkeit. Zuletzt erschien „Afrikanisches Maskenspiel“ (2010, dt. 2011), ein Buch über afrikanische Religionen. Seither ist es um Naipaul still geworden. Zu schreiben hat er laut seiner zweiten Ehefrau aber nie aufgehört, auch wenn er zuletzt weniger als einen Absatz pro Tag schaffte. 2016 besuchte ihn ein Reporter der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in seinem Cottage in Wiltshire im Südwesten Englands. „Er hat mit dem Tod einen Vertrag geschlossen“, zitierte das Blatt Lady Naipaul, „Vidia sagt: „Solange ich schreibe, werde ich nicht sterben.““